Track 3: „Podcasts sind ein letzter Rest Anarchie”

Gabriel Kroher | 10. März 2020 | Content Marketing | Lesedauer: 5 Minuten

Podcast Serie Teil 3

Pod­casts sind vom Nischen-Hobby zum medialen Massen­phänomen auf­gestiegen. Das hat sie sicht­barer ge­macht, doch in­zwischen ist es enorm schwierig ge­worden, bei den Ent­wicklungen noch durch­zublicken. Wie gut, dass es Ex­perten und Pod­caster wie Hari List gibt. Im Inter­view und dritten Teil unserer Serie gesteht er seine Faszi­nation für das Medium und wie man im Audio-Dick­icht immer den Über­blick be­hält. 

Hari, auf deinem Blog „Bruttofilmlandsprodukt“ machst du einen Podcast über den österreichischen Film? Warum gerade ein Podcast?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Ich wollte mich zum einen seit dem Filmproduktions-Studium mehr mit der Materie auseinandersetzen und unbedingt etwas publizieren. Und Schreiben hat mir irgendwann nicht mehr gereicht. Außerdem wollte ich meinen Körper nicht unbedingt dem Internet aussetzen, daher war Podcast der beste Kompromiss – mit der Ironie, dass das Reden über ein visuelles Medium wie Film vermeintlich die falsche Form ist. Das formidable Streiten über das Medium Film eignet sich aber einfach zu gut für einen Podcast.

Du bist also auch ein Opfer des Podcast-Hypes. Warum hält der bis heute an? 

Erst einmal würde ich gar nicht unbedingt sagen, dass das noch ein Hype ist. Und wenn, dann flaut er gerade ab. Das Ganze hat sich seit dem Aufkommen des iPods sehr linear entwickelt und wir haben jetzt die Stufe erreicht, an der es in den Mainstream übergeschwappt ist. Das liegt einerseits an der Verfügbarkeit: Vor drei Jahren hat jeder auf den Verbrauch seines Datenvolumens geschaut. Jetzt kann jeder überall Podcasts herunterladen. Dass wir so viel unterwegs konsumieren können ist ein ganz großer Faktor für die gestiegene Nutzung. 

Und andererseits? 

Es gibt insgesamt mehr Content als je zuvor und wir suchen verzweifelt nach Stellen in unserem Alltag, die wir füllen können. Und da sticht der Podcast rein, er füllt die letzten freien Minuten unseres Tages auf. Viele Fernsehsender kommen zum Beispiel darauf, dass ihre Sendungen zwar fürs Fernsehen gemacht sind, die optische Komponente jedoch oft völlig egal ist. Da gibt es noch viele Inhalte, wo noch was geht! Wir sind es durch das Internet inzwischen gewohnt „on demand” zu lesen, „on demand” zu schauen und jetzt werden wir daran gewöhnt, „on demand” zu hören.

Podcast ist so ein letzter Rest Anarchie.

Was macht den Podcast als Medium denn für Viele so attraktiv? 

Ich bringe immer gern die Metapher: „Du bist im Kopf des Hörers.“ Und zwar literally, du bist durch einen kleinen Stecker im Kopf des Hörers. Und damit schaffst du es, Informationen zu transportieren, die ein Text nicht transportieren kann. Die Emotion und die Stimme, die einem etwas erzählt, macht einen so gravierenden Unterschied. 

Wenn jemand in seinem Podcast von einem Thema richtig begeistert ist, dann ist das einfach super zum Zuhören. Im Radio wirken Gespräche oft absichtlich steril und in Talkshows meistens auch. Ein Podcast hat auch keine feste Länge. Wir leben in einer so formalisierten Welt, die sich an Sendeplätzen orientiert. Wie viele Blatt Papier kann ich drucken, wie viele Zeichen und Zeilen kann ich schreiben? Podcasts sind so ein letzter Rest Anarchie, wo alles geht.

Auch nach all den Jahren merkt man dir die Begeisterung immer noch an...

Absolut. Ich weiß nicht ob du auf Twitter bist, aber wenn YouTube-Kommentare der Abgrund sind, ist Twitter die Vorhölle. Wir keifen uns dort inzwischen in 280 Zeichen an und hören uns nicht mehr zu. Da finde ich, sind Podcasts die Antithese dazu. Wenn du an echter Diskussion interessiert bist, ist das dein Medium.

Woran erkenne ich gute Podcasts?

Drei Dinge. Erstens: Begeisterung. Du merkst sofort, wenn jemand einen Podcast nur macht, weil er ihn machen muss. 

Das zweite ist eine gute Audioqualität. Vor drei Jahren hätte ich das noch anders gesagt. Also „der Content ist das wichtigste“, das sage ich heute nicht mehr. Einfach weil die Konkurrenz so groß ist. Mikrofone sind aber oft günstig, ich bekomme mit dem Handy eine gute Aufnahme hin. 

Man muss verlässlich sein und immer besser werden.

Und drittens? 

Ich würde sagen eine Art von Ernsthaftigkeit. Du solltest nicht nur Podcasts machen, weil du denkst, dass es gerade ein Hype ist oder dein Chef dir sagt, dass du es machen musst. Man muss verlässlich sein und immer besser werden. 

Eine reguläre Schlagzahl ist dabei ganz wichtig, ich merke das auch bei mir: Ich habe zuletzt zwei Folgen ausfallen lassen müssen und man merkt dass danach weniger Leute wiederkommen. Wenn du zwei Wochen nichts rausbringst, hat sich dein Publikum schon einen neuen Podcast gesucht. Einfach weil es so enorm viele andere Inhalte gibt. 

Wenn du die Leute einmal hast, sind sie sehr treu. Aber du musst die Treue auch in die andere Richtung zeigen. Mit der richtigen Qualität und regelmäßigem Output. Was aber nicht heißen soll, dass man nicht experimentieren oder etwas ausprobieren darf. Aber Podcasten ist kein nerdiges Hobby mehr. Diese Zeiten sind vorbei.

Das hört man bei YouTube ja auch immer wieder, dass mangelnde Regelmäßigkeit vom Algorithmus hart bestraft wird.

YouTube ist da noch viel härter. Podcast haben immer noch eine freie Dimension. Noch. Mainstream heißt eben auch, dass Player wie Luminary oder Spotify ihre Episoden einsperren, also dass andere Plattformen auf den Feed nicht zugreifen können. Die großen Podcasts sind stärker kommerziell, was auch ok ist. Vor fünf Jahren war alles noch freier. Ich bin da ein bisschen nostalgisch, aber nicht naiv.

Bin ich bei den Formaten, die ich für Shows wählen kann, noch frei?

Aber sicher! Es gibt ja diese Laber-Podcasts, die haben auf jeden Fall ihre Berechtigung. Und dann gibt es hardcore durchgeplante Fünf-Minuten-Comedy-Shows. Hier stellt sich dann immer die „Form follows function”-Frage. Sicherlich gibt es wissenschaftliche Themen, die ich in fünf Minuten vermittelt kann. Aber ganz ehrlich: Ich glaube besser geht das in zwanzig. Es kommt darauf an: Wer bist du, als Person hinter dem Podcast? Was kannst du garantieren? Denn wenn ich vorhabe, zwei durchgeplante Stunden zu machen, werde ich sehr schnell draufkommen, dass ich pro Stunde mit zehn Stunden Aufwand rechnen kann.

Es kommt immer darauf an, welches Ziel du erreichen willst.

Wie genau sollte ich mich für Erfolg auf ein ganz bestimmtes Publikum ausrichten?

Das ist die Frage, die sich immer stellt. Willst du die „Audience of one“ definieren und schauen, ob du für diese eine Person den Podcast machst? Das ist dann absolute Profisache. Und was heißt überhaupt Erfolg? Da sind wir wieder bei „Form follows function“. Es kommt immer darauf an, welches Ziel du erreichen willst. Der Branded Podcast von Coca Cola hat zum Beispiel überhaupt nichts mit Coca Cola zu tun. Das geht auch. (Nachzuhören hier, Anm. d. Red.)

Wie realistisch ist es überhaupt, in all dem riesigen Angebot noch aufzufallen – also wirklich Erfolg zu haben? 

Das gilt jetzt für alle Branchen, nicht nur fürs Podcasten: Du musst als Einsteiger entweder eine Nische füllen, von der keiner gewusst hat dass sie existiert, oder etwas mitbringen, mit dem du von Anfang an viele Leute erreichst. Einen großen Twitterkanal, ein etabliertes Medium. Deswegen tun sich Zeitungen als Podcast-Neuling relativ leicht, der Falter zum Beispiel. Als No-Name hast du es sehr schwer. 

Du musst etwas anderes machen als andere. Will ich ein Auto bauen, muss ich sowas wie Tesla machen. Wenn ich jetzt aber nur ein Elektroauto baue, bin ich auch wieder late to the party. Und das ist beim Podcasten genauso. Und natürlich die ewige Frage: Wie definiere ich „Erfolg“ bezogen auf meinen Podcast für mich selbst? 

Düstere Aussichten...

Podcasts haben ihre gesellschaftliche Durchdringung noch vor sich. Jeder Mensch hat Zugang zu Fernsehen. Podcasts sind in dem Sinne nur noch neu, weil viele nicht verstehen, was wirklich der Unterschied zum Radio ist und wie man sie zum Beispiel abonnieren kann. Medienkonsum muss sich auch entwickeln. Erst jetzt ist der Moment da, wo Podcasts für alle verfügbar sind. Es gibt also noch sehr viel Marktpotenzial. 

Wenn du die Zeit aufwendest, um in Altersheime zu gehen und den Leuten dort zu erklären, wie sie deinen Podcasts abonnieren können, kannst du dir sehr viel Publikum schaffen. (lacht)

 Es ist eine feine Linie zwischen Running Gags auf der einen und fader Redundanz auf der anderen Seite.

Welche Fehler sollte ich beim Podcasten denn unbedingt vermeiden?

Audioqualität ist definitiv ein Faktor, wenn die schlecht ist, muss der Inhalt schon extrem gut sein. Ein zweiter Punkt ist sicher einfach Langeweile. Die kann durch eine monotone Stimme oder redundante Themen entstehen. Es ist eine feine Linie zwischen Running Gags auf der einen und fader Redundanz auf der anderen Seite. Es gibt Shows, in denen ein und dasselbe Argument immer wieder gebracht wird. Dann wird es schnell fad. Dann suche ich mir eben was anderes. Weil es eben auch schon so viel anderes gibt. Um es mit Billy Wilder zu sagen: Du sollst nicht langweilen!

 

Hari List, 31, podcastet seit 2014 in unterschiedlichen Formaten. In seinem aktuellen Podcast Bruttofilmlandsprodukt, der auf Spotify, der dazugehörenden Website und den übrigen Plattformen zu finden ist, bespricht er den österreichischen Film. Für den Medienbeobachter META Communication International ist er als Projektmanager in der Medienanalyse tätig und leitet die neue Podcast-Beobachtung, in der alle österreichischen Podcasts erfasst sind. Daneben coacht er auch Unternehmen, NGOs und Personen im Bereich Podcasting.

 

Die Content Glory-Redaktion bedankt sich sehr herzlich für seine Zeit und die klugen Einblicke!

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